Archiv für November 2009
Glasgow Rangers – VfB Stuttgart
Die Möglichkeit zur Rehabilitation für enttäuschende Auftritte in der Bundesliga haben die Schwaben unter Markus Babbel am heutigen Abend im Ibrox Park zu Glasgow.
Der VfB könnte es genießen, nicht unter Druck zu stehen, doch natürlich gibt es auch in Schottland etwas zu verlieren. Auch die Europaliga kann in der Phase, in der ein Dritter der Champions League einsteigt, Ruhm und Geld einbringen. Dennoch ist die Chance des VfB auf das Achtelfinale der Champions League noch durchaus gegeben. Die Konstellation in der Gruppe ist derart, dass sogar im Falle einer Niederlage noch ein Weiterkommen gut möglich wäre. Das Heimspiel gegen Unirea Urziceni wird wohl das entscheidene sein.
Mal abgesehen vom sportlichen Weiterkommen muss sich die Mannschaft an sich mal wieder in die richtige Richtung entwickeln. In der Bundesliga und im Pokal hat man jetzt schon praktisch alle Chancen auf eine internationale Teilnahme im Folgejahr verspielt und die dargebotenen Leistungen erinnern wirklich eher an Abstiegskampf.
Ich erinnere mich an die Saison 2002/2003, als bei Bayer Leverkusen so richtig der Wurm drin steckte und die Mannschaft trotz des vorhandenen Potentials bis zum bitteren Ende in der Bundesliga gegen den Abstieg gekämpft werden musste. International konnte man die 1. Gruppenphase der Champions League noch überstehen, aber in der Zwischenrunde gab es nichts mehr zu holen.
Nach dem 2. Spiel in der Zwischenrunde wurde Klaus Toppmöller entlassen und es ging keinen Schritt voran. Im Gegenteil: Der anticharismatische Medienmuffel Thomas Hörster versuchte vergebens der Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. In höchster Not kam Klaus Augenthaler und konnte durch einen Sieg am letzten Spieltag den Abstieg vermeiden.
Ich möchte dem VfB nicht das gleiche Schicksal prophezeihen, aber gewisse Parallelen könnten schon geschehen. Ich finde es gut, dass man in Stuttgart trotz des Sturzfluges bis jetzt an Markus Babbel als Trainer festhält. Er hat ähnlich wie Klaus Toppmöller damals in Leverkusen gute und erfolgreiche Arbeit in der Vorsaison abgeliefert, er verliert nicht den Kopf in dieser Krise und somit hält die sportliche Leitung an ihm fest. Wohl weil sie gesehen haben, dass er sein Fach beherrscht.
Auf den Trainerlehrgang sollte man gar nicht engehen. Der ist mit seinen Anwesenheitszeiten entschärft worden und bei einer Gruppe erwachsener Profis muss nicht immer der “Papa-Wichtig” alles überwachen.
Man muss ganz einfach feststellen, dass die Neuzugänge des VfB Stuttgart nicht eingeschlagen haben. Von Hleb und Pogrebnyak hat man sich viel mehr versprochen. Kuzmanovic scheint langsam angekommen zu sein. Auf der Seite der Abgänge steht mit Mario Gomez der überragende Spieler der letzten Jahre. Aber alle Diskussion ist müßig: man konnte ihn nicht halten. Dazu sind ca. 35 Mio. EUR eine Menge Geld.
Und da setzt auch die Kritik Vieler ein: Man hätte besser reinvestieren sollen. Eine halbkluge Pauschalaussage, wie ich finde. Horst Heldt erklärte es noch vor einigen Wochen, dass man kurz vor Saisonschluss die Chance hatte noch Meister zu werden und sich nicht geringe Chancen auf den Verbleib von Mario Gomez machte. Er entschied sich aber gegen den VfB und dazu kam, dass der Transfermarkt im Sommer überhitzt war.
In Stuttgart hat man mit Horst Heldt einen starken sportlichen Leiter, der auch viel auf seine Schultern lasten muss, wenn der Erfolg ausbleibt. Ein “Schwarzer-Peter-Hin-und-Her-Schieben” wird aber auf dem Spielfeld kurzfristig nicht helfen.
Die schlagbaren Rangers könnten das Sprungbrett zu einer erfolgreicheren Zukunft werden. Oder ein weiterer Tiefschlag. Manchmal entscheiden Kleinigkeiten. Sollten diese sich halbwegs ausgleichen, so wie auch angeblich Glück und Pech, wäre der VfB mal wieder im positiven Sinne fällig. Aus deutscher Sicht kann man es nur hoffen.
Heiko Herrlich beim VfL Bochum
Neue Besen kehren gut. Das kostet beim Fußball-Stammtisch beim DSF 3 EUR ins Phrasenschwein. Und richtig ist diese Aussage auch nicht immer.
Beim VfL Bochum kehrt Heiko Herrlich noch nicht wie gewünscht im stürmischen Herbst. Alle logisch denkenden Meschen werden die schlechte Leistung des VfL Bochum bei der 2:1-Niederlage in Frankfurt nicht dem neuen Trainer zuschustern.
Dass der VfL ein Qualitätsproblem hat, dürfte unumstritten sein. Einer der Gründe ist sicherlich die finanzielle Ausstattung resultierend aus der geographischen Lage zwischen 2 Fußballriesen mit großer Tradition und Gefolgschaft. Die haben auch ihre finanziellen Nöte, sind aber als Wirtschaftsunternehmen nicht zu vergleichen mit dem kleinen Nachbarn. Der Unterschied in den verkauften Dauerkarten etwa zu Borussia Dortmund beträgt ca. 42.000! Mit dem kolportierten Fremdkapitalstand des FC Schalke 04 könnte der VfL bei dem derzeitigen Stand 10 Jahresgesamtetats bestreiten.
Dennoch ist der gemeine VfL-Anhänger aus der Vergangenheit verwöhnt, als Klaus Toppmöller und Peter Neururer eine überschaubare Zeit lang das Optimum aus dem damaligen Kader herausquetschten. Wenn man aber realistisch ist, sind die Zeiten in der Bundesliga vorbei, wo der SC Freiburg Dritter oder der VfL Bochum Fünfter werden kann. Dazu sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in zu deutlicher Scherenform auseinander gegangen. Z.T. auch durch neureiche Emporkömmlinge wie Hoffenheim.
In Bochum haben sich vorallem die Fans irgendwann darauf eingeschossen, den jahrelang solide arbeitenden Marcel Koller herauszuekeln. Das Management des VfL knickte dann vor Wochen ein und eierte so ein wenig mit Frank Heinemann als Interims-oder-auch-doch-nicht-Interims-Trainer durch die Gegend. Intimkenner Heinemann versuchte sein Bestes und stoß verständlicherweise auch an die Grenzen, die das sportliche Potenzial des VfL sich selbst setzt. Ob er jetzt eine Dauerlösung werden könne oder nicht blieb lange offen und nun kam die Entscheidung pro Heiko Herrlich.
Kein Frank Pagelsdorf, Mirko Slomka, Auslaufmodell Jörg Berger oder wie die erfahrenen, derzeit arbeitslosen Trainer so alle heißen. Was richtig ist, weiß man natürlich erst hinterher (das wären auch 3 EUR ins berühmte Schwein), aber es scheint eine bewusste Entscheidung der VfL-Oberen für einen jungen Trainer, der das Spielerdasein noch gut kennt und auch die Mentalität der aktuellen Generation.
Selbst war Heiko Herrlich ein Kämpfer, der auch schon den bisher größten Kampf seines Lebens, nach einer Hirntumorerkrankung, gewonnen hat. Herrlich ist ein emotionaler, intelligenter und gläubiger Mensch, dem man allerdings attestieren muss, auf der großen Vereinsbühne über keinerlei Erfahrung zu verfügen.
Seine guten Zeiten als Spieler hatte bei Vereinen im Westen, die nicht gerade zu den größten Freunden des VfL Bochum zählen (Mönchengladbach, Leverkusen und besonders Dortmund). Ich bin sehr gespannt, ob er so fair und unbefangen in Bochum aufgenommen wird, wie er das verdient hat.
Wenn man die ersten Tag seines Schaffens an der Castroper Straße unter die Lupe nimmt, stellt man fest, dass er 7 Trainingseinheiten bis zum Spiel in Frankfurt hatte. Gefallen hat mir, dass er sich an kleinen, aber wichtigen Dingen stößt. Stanislav Sestak bekam verbal einen drüber, da er ohne Schienbeinschoner trainierte, getroffen wurde und daher unnötigerweise die Fortführung des Trainings behinderte. Richtig so, wenn manche Fußballer schon solche Mimosen sind, dann sollen sie wenigstens Vorkehrungen treffen.
Ein anderer Streitpunkt war die mangelnde Kommunikation im Trainingsspiel untereinander. Wer keine kurzen, präzisen Kommandos auf dem Platz gibt oder geben kann, hat Nachteile gegenüber dem Gegner. Dinge aus dem realen Leben eines Fußballers, die auch erkennen lassen, dass Heiko Herrlich hungrig nach Verbesserungspotenzial ist. Gute Voraussetzungen schon mal.
Dann ein Kurztrainingslager ab Donnerstag in Neu-Isenburg. Da soll viel gesprochen und korrigiert worden sein. Am Sonntag beim Spiel in Frankfurt sah man allerdings davon herzlich wenig. Grote und Epallé ersetzten Azaouagh und Freier auf den Außenbahnen und Dedic Klimowicz im Sturm.
Das Ergebnis war ernüchternd. Absolut verdient und ohne eigenen Treffer (Franz traf zum Ausgleich ins eigene Tor) verlor man 2:1 in Frankfurt. Vom Ergebnis her kein Beinbruch, aber wenn man auf einen “Neue-Besen-kehren-gut-Effekt” gehofft hatte, ist dieser in Frankfurt quasi zu Grabe getragen worden. Es war nicht Herrlichs Plan so aufzutreten. Und es stimmt bedenklich, zumal Frankfurt zwar ein ordentliches Spiel hinlegte, aber auch nicht zum oberen Drittel gehört.
Eine einzige Torchance (Klimowiczs verunglückter Kopfball in der 75.) stimmt ebenso bedenkllich wie Onos erneutes Gelb/Rot, diesmal sogar binnen Sekunden nach der Gelben. Dumm sondersgleichen und die Partie war für den VfL gelaufen. Philipp Heerwagen sah beim 1:0 durch Caio nicht gut aus, aber eine Grundsatzdiskussion über ihn zu führen, wäre nicht angebracht.
Am Samstag kommt der SC Freiburg nach Bochum. Der VfL steht dort unter Druck. Ein Heimspiel gegen schlagbare Konkurrenz im Abstiegskampf. Neben Ono schaut auch Christoph Dabrowski gelbgesperrt zu. Einzelne Personalien werden aber nicht die Entscheidung pro oder contra Sieg geben, sondern, dass die Spieler die Leidenschaft des neuen Trainers annehmen und auf den Platz übertragen.