Die Trainerschuld-Frage

Es ist mal wieder so weit, das Trainerkarussell nimmt wieder Fahrt auf. Der VfL Bochum trennt sich von Marcel Koller, Alemannia Aachen hat bereits seinen Landsmann Jürgen Seeberger unter der Woche an die Sonne getan, RW Ahlen zog mit der Entlassung von Trainer Stefan Emmerling und Manager Stefan Grädler nach dem mutlosen Auftritt am Samstag gegen die Fortuna aus Düsseldorf die Konsequenzen aus der bedrohlichen Situation. Dieter Hecking (Hannover 96) und Jörn Andersen (FSV Mainz 05) haben in der 1. Bundesliga bereits ihren Stuhl geräumt.

Es lohnt sich ein Blick auf die Hintergründe. Ich denke, dass Kollers Ende mit der “Zdebel-Affäre” im Winter begann. Thomas Zdebel (jetzt Bayer Leverkusen) war und ist in Bochum bei den Fans und in der Mannschaft ein höchst geachteter Mensch. Seine lange Vereinszugehörigkeit, sein smartes Auftreten in der Öffentlichkeit und sein unbändiger Kampfeswille sind die Gründe hierfür. Offensichtlich hat er aber auch schauspielerisches Talent und übte sich im Nachahmen seines Trainers. Es flog auf, Koller sah seine Autorität angekratzt und Zdebel spielte fortan in Leverkusen, was die Fans mehrfach dazu veranlasste, ihre Ehrerbietung gegenüber Thomas Zdebel öffentlich zu zeigen. Diese Vorfälle haben den Trainer Koller zweifelsohne nicht gestärkt.

In die Saison 2009 / 2010 geht der VfL laut “kicker” mit einem Personaletat von ca. 17 Mio. EUR. Geringfügig weniger dürften nur 3 Vereine in der Bundesliga (Nürnberg, Mainz und Freiburg) ausgeben. Die Einnahmenseite ist durch die lediglich ca. 8.000 verkauften Dauerkarten sogar massiv schlechter als die z.B. der Nürnberger. Was erwartet man eigentlich von der Mannschaft und dem Trainerteam ist für mich die Frage.

Sportlich gesehen konnte man zunächst gegen Borussia Mönchengladbach einen 3-0-Rückstand aufholen und zumindest einen Punkt im Revierpower- Stadion behalten. In der Halbzeit wurde allerdings schon von den Rängen der Kopf des Tariners gefordert. Ich freue mich ja immer, wenn die, die in der Halbzeit noch gebölkt haben, was das Zeug hält, nachher so tun müssen, als ob sie nie gemeckert hätten!

Im 2. Heimspiel schlug man eine zugegebenermaßen schwache Hertha aus Berlin mit 1:0. Bei den Auswärtsauftritten war man weder in Hoffenheim, noch in Leverkusen oder auf Schalke Favorit. Kein Punkt. Nicht so schön. Aber ist es nicht auch irgendwo im Bereich des Normalen? Die Auftritte waren nicht durchweg blutleer, aber auch wahrlich nicht begeisternd. Stellt sich nun die Frage, ob man gut daran tut, nach 6 Spieltagen einen ganz entscheidenden Baustein im mühsam unter finanziellen Zwängen zusammengestellten Mosaik einfach austauscht! Ist das der richtige Zeitpunkt? “Hätten wir mit Koller bis zum Winter weiter gemacht, bräuchten wir den Trainer nicht mehr wechseln, dann wären wir schon sicher weg vom Fenster,” hörte ich am Sonntag Abend. Alles hypothetisch und absolut subjektiv gefärbt! Anspruch und Wirklichkeit sind hier nicht kongruent. Klar, Kollers etwas ruhigere Art nutzt sich vielleicht irgendwann ab und er hat auch eine unpopuläre Maßnahme (Zdebels Absetzung) durchgezogen, aber mitten in der Saison einen Schnitt zu ziehen, obwohl das Kind noch lange nicht in den Brunnen zu stürzen droht, ist ein riskanter Schritt. Gut, Frank “Fanny” Heinemann kennt alles in Bochum und passt bestimmt auch zu dem Team, aber nachhaltig wird auch er es nicht schaffen, dass der VfL Bochum aus dem viertniedrigsten Personaletat deutlich mehr als Platz 13 herauszuquetscht. Irgendwann ist er auch nicht mehr der Richtige und man glaubt an den nächsten Messias. Dass man den Spielern ein massives Alibi mit der Trainerentlassung gegeben hat, ist ja ganz klar. Dabei tragen sie am meisten zum sportlichen Erfolg oder Misserfolg bei.

Vieles deutete nach dem Spiel gegen den FSV Mainz 05 schon auf eine Ablösung hin (der Höhepunkt war dabei die versehentliche Veröffentlichung des Berichtes zur Beurlaubung des Trainer vor dessen eigentlicher Demission), aber dass ich Fans sehe, die sich vor Glück umarmen aufgrund dieser Nachricht, ist mir einfach ein Rätsel. Der VfL ist etabliert im Fußballoberhaus und das bei diesen traditionsreichen sportlichen Nachbarn und der schon seit Jahrzehnten ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse (der Bergbau, Opel oder Nokia als gute Beispiele) und dennoch scheinen Einige die Bodenhaftung zu verlieren. Ich meine damit noch nicht mal Thomas Ernst und Werner Altegoer in der übergeordneten Verantwortung, sondern dieses Mal die Basis. Quo vadis VfL?

Ich bin sehr gespannt wie sich die Situationen um die Trainer in Berlin, Köln und Stuttgart entwickeln, wenn die Pokalwoche um ist und der 1.FC Köln Bayer Leverkusen unterliegt und die anderen genannten in ihren Auswärtsspielen vielleicht mal glücklos bleiben. Lucien Favre und Markus Babbel haben mit Sicherheit noch ein gewisses Polster aus erbrachten Leistungen im Vorjahr. Aber der Anspruch ist bei beiden Vereinen doch, jeweils etwa 10 Plätze besser zu stehen, als derzeit. In Berlin ist es aus meiner Sicht einen Potential-Problem. Andrej Voronin, Marko Pantelic und Josip Simunic waren de facto wichtige Faktoren im vergangen Jahr. Die sind weg und man musste teilweise auf die neuen oder verbliebenen Stützen Gojko Kacar und Raffael, sowie Routinier Arne Friedrich verzichten. Damit ist eine Hertha nun mal nicht mehr häufig Favorit in der Bundesliga. Mir hat die Reaktion in Berlin aber gefallen. Fans, die ihr Team trotz der 0:4- Heimklatsche gegen Freiburg nicht verhöhnten und wo sich der Kapitän hinstellt und sich sehr glaubhaft für eine persönliche und mannschaftliche Fehlleistung entschuldigt. Endlich sind wir wieder bei dem Knackpunkt: Die Umsetzung des Erarbeiteten auf dem Rasen. Ich sage einfach mal, dass kein Trainer der Welt eine Mannschaft so schlecht coachen könnte, dass so ein peinliches Resultat, wie am Sonntag in Berlin dabei herauskommt! Das schafft man nicht alleine als Trainer.

Der gesamten Liga tut ein wenig Geduld im Umgang mit Spielern und Trainern gut. Es gibt einfach immer Schwankungen und jedes Jahr verfehlen mindestens 50 % der Vereine ihre gesteckten Saisonziele. Die Antwort ist eindeutig: Weil die Prognosen des sportlichen Erfolgs des Wirtschaftsunternehmens im Durchschnitt nicht realistisch sind. Der Schwerpunkt auf eine nachhaltige Entwicklung kommt da häufig zu kurz. Es gibt ja einige Beispiele für langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit, wie z.B. in Bremen und ich würde mir wünschen, dass weitere folgen, statt in der momentanen Situation durch übereilte Handlungen dem Trainer den Laufpass zu geben. Für die mittel- und langfristige Planung ist das Sportmanagement und das jeweils höchste Gremium in den Vereinen zuständig. Auf dieser Ebene gibt es nicht so viel Fluktuation wie auf der Trainerposition. Ich zweifle an, dass das der richtige Weg ist.

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